Volles Haus beim Neujahrsempfang der CDU

Finanzkrise Bank-Chef sieht nationales Budgetrecht auf Prüfstand

Rhein-Zeitungs Redakteur Peter Lausmann

Koblenz. Wenn Europa aus der Schuldenkrise herauskommen will, muss es sich nach Josef Ackermanns Ansicht radikal wandeln: „Will die Euro-Zone zu einer funktionierenden Fiskalunion werden, muss die Budgethoheit der nationalen Parlamente grundlegend überdacht werden.“ Der Deutsche-Bank-Chef rüttelt damit an einem jahrhundertealten Grundpfeiler des Parlamentswesens. „Europa wird um eine Verfassungsdebatte nicht herumkommen“, wenn Europa weiter zusammenwachsen soll. Die Debatte würde den Bürgern Europa und den Euro auch wieder näherbringen, wenn Kosten und Nutzen der Gemeinschaft Kernbestandteil dieser Debatte wären. Man käme schnell zu dem Punkt, dass ein Ende des Euros das weit teurere Übel sei.

Josef Ackermann ist bekannt für scharfe Analysen und auch unpopuläre Standpunkte. Oft geht es ihm dabei nicht um die Show oder Schlagzeilen. Diese Sätze fallen nicht vor einem Millionenpublikum, sondern beim Neujahrsempfang des Koblenzer CDU-Kreisverbands, zu dem ihn CDU-Wirtschaftsexperte und Bundestagsabgeordneter Michael Fuchs sowie Kreischef Leo Biewer gelotst hatten.

Verwässerung kostet Vertrauen

Ohnehin hadert Ackermann gern mit der Politik. Denn hinter der Schuldenkrise sieht er vor allem eine Vertrauenskrise, die durch den Schlingerkurs der Euro-Staaten entstanden ist. „Die Euro-Zone muss enger zusammenwachsen und mit einer Stimme sprechen, wenn ihr Wort Gewicht haben soll“, fordert Ackermann. Vor allem die unerfüllten Versprechungen und die stetige Verwässerung von an sich richtigen Rettungsplänen haben dazu geführt, dass die Schuldenkrise noch lange nicht ausgestanden ist. Aber es gibt Hoffnung: „Italien, das jetzt im Fokus steht, kann es schaffen, denn Italien ist ein reiches Land mit einer funktionierenden Wirtschaft“, diagnostiziert der Schweizer.

Es ist viel gesagt und geschrieben worden über diesen Josef Ackermann: Arrogante Arbeitsplatzvernichtung wirft man ihm vor, menschenverachtend sei das von ihm ausgerufene Renditeziel von 25 Prozent. Auf der anderen Seite stehen Bewunderung und Respekt vor dem Mann, der die Deutsche Bank international ausgebaut und damit eigenständig gehalten hat. Doch wenn man Ackermann aus der Nähe erlebt, dann ist er zunächst einmal eines: lächelnd, höflich, humorvoll und weitblickend.

Deshalb übt er auch Kritik an der Bankenbranche. Erst deren Krise habe einige Länder wie Irland in den Schuldenstrudel gezogen. Doch eine Transaktionsteuer, die das Finanzsystem nach den Vorstellungen mancher Politik bändigen und an den Kosten der Krise beteiligen soll, lehnt Ackermann ab. „Sie wird die Schwankungen der Marktpreise erhöhen und am Ende nur die Anleger und nicht die Spekulanten belasten“, prophezeit Ackermann. Die Finanzhaie wären dann schon längst in ganz anderen Gebieten unterwegs. „Selbst die erhofften Steuereinnahmen werden damit längst nicht erzielt werden“, sagt Ackermann. Man müsse nach der Krise umdenken, aber diese Steuer sei nicht zielführend.

Deutschland soll Führung wagen

Im Mai wird Ackermann seinen Posten bei der Deutschen Bank aufgeben – vorzeitig. Und er wird nicht wie zunächst geplant in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank wechseln. Zum Ende häuften sich die Niederlagen des Schweizers in Frankfurt. Doch in Koblenz gewinnt man nicht den Eindruck, dass er ein Chef auf Abruf ist. Vielmehr präsentiert er sich in der Rolle des über Staats- und Konzerngrenzen hinausdenkenden Impulsgebers. „Die Welt erwartet von Deutschland Führung“, rät Ackermann dazu, sich von historisch begründeten Hemmungen zu befreien. „Trauen Sie sich, Deutschland steht besser da als viele andere.“ Aber: Für nationale Überheblichkeit gebe es in der aktuellen Schuldenlage keinen Anlass.

RZ Koblenz und Region vom Montag, 16. Januar 2012, Seite 6